Der Überwachungsstaat
Einige geneigte Leser werden sich jetzt sicher fragen, was dieses Thema in einem Foodblog zu suchen hat!? Die Antwort ist ganz einfach: Dieses Thema betrifft oder wird jeden betreffen, der in diesem unseren zunehmend von Paranoia und Regulierungswahn heimgesuchten Land lebt. Es geht jeden an, egal ob Politaktivist oder in seiner Küche hantierender Hobbykoch.
Der Staat (und die Wirtschaft) sammelt heutzutage über jeden Bürger derartig viele Daten, wie es früher undenkbar gewesen wäre. Und das Merkwürdige ist, kaum einer regt sich darüber auf. Auch das war früher anders. Und mit „früher“ ist nicht die graue Vorzeit gemeint, sondern z.B. das Jahr 1983. Damals sollte es – wie zu dieser Zeit noch alle 10 Jahre üblich – eine sogenannte Volkszählung stattfinden. Doch zur völligen Überraschung der Behörden regte sich ein zuerst zarter Widerstand dagegen, der sich dann schnell quer durch die Bevölkerung ausbreitete. Hunderttausende – vom Sponti bis zur Omi – drohten mit einem Volkszählungsboykott.
Was war passiert? Die Politiker und die Statistiker hatten völlig übersehen, dass die zunehmende Computerisierung ganz neue Möglichkeiten bot, mit den Daten der Volkszählung umzugehen und sie möglicherweise zum Nachteil der Bevölkerung zu verwenden. Aus diesem Grund und wegen methodischer Mängel kippte das Bundesverfassungsgericht die 83er Volkszählung und gab den Boykotteuren und Protestlern recht.
Heute werden tagtäglich Unmengen mehr an Daten über die Bürger gesammelt – die Abschaffung des Bankgeheimnisses ist eines der letzten Beispiele. Einige wenige weitere Schlagwörter sind die Vorratsdatenspeicherung, die gerade eingeführte bundeseinheitliche Personenkennziffer oder die geplante Onlinedurchsuchung ohne richterliche Anordnung. Und obwohl auch die technischen Möglichkeiten der Erfassung und Auswertung seit den 80er-Jahren ins Unermessliche gestiegen sind, regt sich in der breiten Bevölkerung niemand gross darüber auf. Und das, obwohl Umfragen zeigen (z.B. stern-Umfrage Juni 2007), das die Bundesbürger mehrheitlich gegen Schäubles Sicherheits-Pläne sind. Wieso also regt sich nur so wenig Widerstand, was hat sich verändert?
Diese Frage kann auch ich nicht beantworten. Für mich heisst aber die Schlussfolgerung, dass ich meine Position des „gut informierten Sympathisanten“ aufgebe und mich wieder aktiv am Widerstand gegen die Auswüchse des Überwachungsstaates beteilige. Besser spät als nie! Wie hiess es doch in den 80ern: „Widerstand ist machbar, Herr Nachbar“.
Und für alle die, die (wieder einmal) sagen, dass sie nichts zu verbergen hätten und sich deshalb keine Sorgen machen müssen, sei als kleiner Anstoss zum Nachdenken diese undogmatische interaktive Flash-Animation empfohlen: Absolut sehenswert Panopticom.
Ich werde jedenfalls auch zukünftig hier zu diesem Themenbereich schreiben. Und das bewusst in diesem Blog und nicht in einem speziell auf dieses Thema spezialisierten!
7.9.2007 18:00
Casual Friday, Privacy
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